Wirklich schlafen? Das macht auch das Seegras im Winter nicht – aber in der Winterruhe reduziert es seine Wachstumsaktivitäten auf ein Minimum und wartet das kräftigere Sonnenlicht und die warmen Temperaturen des Frühlings ab. Wie bettet sich denn das „Seegras für MV“ in dieser Zeit? Unter anderem in einem Gewächshaus in der Nähe von Güstrow.
Die Aquakultur zur Heranzüchtung von Seegras ist im Projekt nötig, um die Aufforstung von Seegraswiesen zu realisieren. Das Seegras, das später in Strängen am Meeresboden ähnlich einer Rollrasentechnik verlegt wird, wird in großer Stückzahl benötigt. Maschinell werden die lebenden Pflanzen dann in die Stränge eingearbeitet. Im Winter reagieren die Pflanzen auf die geringere Lichtintensität und verlangsamen ihr Wachstum. Bei Temperaturen zwischen 3 und 9 °C drosselt das Seegras sein Wachstum und kann den Winter gut überstehen. Um diese Winterruhe zu ermöglichen, hat das Team von ZosteraTec den Standort im Landkreis Rostock ausgewählt.

Zur Haltung der Pflanzen in den Herbst- und Wintermonaten ist es wichtig, Laborbedingungen herzustellen. Anders als bei der Aquakultur am Rostocker Tonnenhof kommt hier kein direktes Ostseewasser zum Einsatz. Die Erfahrung hat gezeigt, dass viele Schwebteilchen im Wasser die optimale Versorgung mit Sonnenlicht einschränken. Zudem befindet sich nicht nur mineralisches Material in der Ostsee, sondern auch sehr aktives Leben, beispielsweise in Form von Rot- oder Kieselalgen. Das führte in der Vergangenheit zu einigen Verlusten in mit Meerwasser versorgten Aquakulturen. Deswegen sind die Becken im Gewächshaus-Labor mit Leitungswasser gefüllt, das lediglich mit Mineralien sowie dem nötigen Salz angereichert wurde und so das Ostseewasser in seiner Salinität imitiert.

Im Verlauf von „Seegras für MV“ feilten die Projektpartner:innen stetig an Innovationen, die das Ziel, möglichst ökologisch und dennoch schnell Seegras aufzuforsten, immer besser umsetzten. Die anfangs reinen Matten aus Hanf oder altem Seegras hatten sie mit der Zeit durch eine effektivere Strangform als Aufwuchsträger abgelöst. Diese Stränge können die Taucher:innen nun besser ins Sediment bringen und dort vergraben. Anfangs mussten sie zur Sicherung des Trägermaterials zusätzlich Eisennägel in den Meeresboden drücken. Weil die Aufwuchsträger biologisch abbaubar sind, lösen sie sich schnell auf. Die Eisennägel dagegen bleiben quasi ewig an Ort und Stelle – allerdings bieten sie auch die nötige Festigkeit, um das Seegras im Sand zu halten. Jetzt gibt es einen neuen Weg: stabile Holznägel, die direkt nach dem Aufforsten alles zusammenhalten, sich dann aber mit der Zeit zersetzen.
Gerade in den Wintermonaten benötigen wir viel Licht und Temperaturen über 3 °C, um das Seegras am Leben zu erhalten. Das bietet uns das Gewächshaus hier.

Im Gewächshaus nahe Güstrow wachsen zu dieser Zeit keine üblichen Pflanzen, sondern das vielversprechende Zostera marina. Die Beobachtungen der letzten Monate zeigen in die richtige Richtung, sodass der überwiegende Großteil des Seegrases vor einer vitalen Wachstumsphase im Frühjahr steht. Mit diesen Pflanzen aus der landseitigen Aquakultur können ab Mai und in den kommenden Jahren wieder Seegraswiesen in der Ostsee aufgeforstet werden.