In den vergangenen Wochen gab es einen medialen Fokus auf die Wismarbucht. Nur einige Kilometer von dem Ort entfernt, wo auch die Klimastiftung MV mit einer neuen Technik, dem Unterwasser-Rollrasen, kahle Flächen mit Seegras bepflanzen konnte, hat ein gestrandeter Buckelwal die volle Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es führt uns vieles vor Augen – vor allem aber, dass die Ostsee als Naturraum inklusive seiner Wildtiere erhaltens- und schützenswert ist.

Boot auf dem Meer mit Land im Hintergrund
Seegraswiese von oben im Wasser in der Ostsee
Blick von unten im Meer hoch zur hellen Wasseroberfläche mit sprudelnden Luftblasen
In sechs Metern Tiefe misst eine Taucherin die Lichtstärke.

Ostsee als einzigartiger Lebensraum

Das Baltische Meer, wie sie im Englischen und vielen anderen Sprachen genannt wird, ist ein Binnenmeer. Es speist sich aus den Flüssen der Anrainerländer und vermischt sich beim Belt mit dem Wasser der Nordsee. Sein Salzgehalt ist verglichen mit den Ozeanen gering, rund um Finnland weist die Ostsee sogar fast eine Süßwasserstruktur auf. Gerade der Salzgehalt des Wassers ist für Flora und Fauna entscheidend und bestimmt ihr Wachstum.

In diesem Brackwassermeer tummeln sich besonders Schweinswale, Kegelrobben und Seehunde, Fischotter, Meeresenten, Flundern, Schollen, Heringe, Dorsche, Sprotten, Grundeln, Seenadeln, Riffbarsche, Seeskorpione, aber auch wandernde Fische wie Meerforellen oder Aale, sowie Grünalgen, Kieselalgen, Blaualgen, Dinoflagellaten, Seetang und eben Seegras der Art Zostera marina. Zudem ist die Ostsee auf der Wanderroute der Zugvögel wie der Kraniche ein wichtiger Lebensraum.

Mit den steigenden Temperaturen in Folge der Klimakrise erwärmen sich die Binnenmeere weltweit. Davon sind zum Beispiel das Mittelmeer und die Ostsee besonders betroffen – hier ist die Wassererwärmung bereits längst über 2°C im Durchschnitt gestiegen. Für das Wachstum des Seegrases in der Ostsee beispielsweise heißt das, mit diesen Bedingungen klarkommen zu müssen. Die Pflanzen passen sich zu einem gewissen Grad an die Umgebung an, können aber nicht ohne Weiteres verpflanzt werden: Seegras aus der Nordsee würde in der Ostsee nicht überleben und andersherum.

Ökosystemleistungen von Seegras

Es gibt zwar nicht die einzige Leistung von Seegras in den Ozeanen dieser Welt. Doch schafft es diese Pflanze als „Gründerart“ eine Grundlage für Biodiversität zu geben und eine Schlüsselfunktion im maritimen Zusammenspiel einzunehmen. Wie bei allen Organismen im Meer bereichert die Anwesenheit von Zostera marina die Vielfalt der Lebensformen. Durch ihren dichten Blätterwald bieten die Gräser zahlreichen Fischen, Muscheln und Krustentieren eine geeignete Kinderstube für deren Nachwuchs. Diese Pflanze unter Wasser erfüllt viele Funktionen für das Ökosystem der Ostsee.

Ökosystemleistung Fischerei

Seegras unterstützt weltweit die Fischerei und bietet Lebensraum für den Nachwuchs der kommerziell gefangenen Fische, Muscheln und Krustentiere.

Grafik: Hisham Ashkar, GRID-Arendal (2020),
https://www.grida.no/resources/13576/
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Ökosystemleistung Biodiversität

Seegraswiesen sind Hotspots für maritime Biodiversität, inklusive geschützter Arten wie Seekühe, Meeresschildkröten, Haie und Seepferdchen.

Grafik: Hisham Ashkar, GRID-Arendal (2020),
https://www.grida.no/resources/13576/
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Ökosystemleistung Klima-
regulation

Seegraswiesen lagern einen groß-Teil des Kohlenstoffs in ihrer Biomasse sowie im Sediment ein und helfen damit, den Klimawandel abzuschwächen.

Grafik: Hisham Ashkar, GRID-Arendal (2020),
https://www.grida.no/resources/13576/
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Ökosystemleistung Wasser-
filtration

Seegras ist ein natürlicher Filter, indem es Sediment und hohe Nährstoffe aus dem Wasser auffängt.

Grafik: Hisham Ashkar, GRID-Arendal (2020),
https://www.grida.no/resources/13576/
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Ökosystemleistung Krankheits-
reduktion

Seegras dämmt Human-, fisch- und Korallenkrankheiten ein, indem es den Kontakt mit den Erregern vermindert.

Grafik: Hisham Ashkar, GRID-Arendal (2020),
https://www.grida.no/resources/13576/
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Ökosystemleistung Versaurungs-
puffer

Seegraswiesen regulieren die chemische Struktur des Meerwassers durch die Abgabe von Sauerstoff und die Aufnahme von Kohlendioxid und puffern die Meeresversauerung ab.

Grafik: Hisham Ashkar, GRID-Arendal (2020),
https://www.grida.no/resources/13576/
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Ökosystemleistung Küstenschutz

Seegras verhindert Küstenerosion und schützt vor Überflutungen und Flutwellen.

Grafik: Hisham Ashkar, GRID-Arendal (2020),
https://www.grida.no/resources/13576/
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Ökosystemleistung Tourismus

Seegraswiesen bieten Kulturleistungen, die identitätsstiftend für die Menschen vor Ort sind, und Freizeitaktivitäten (wie Vogelbeobachtung, Tauchen, Fischen).

Grafik: Hisham Ashkar, GRID-Arendal (2020),
https://www.grida.no/resources/13576/
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Eigenschutz für Menschen

Nicht nur in der Wismarbucht und nicht nur angesichts eines gestrandeten Wals lohnt es sich, den Naturraum Ostsee zu erhalten. Die Klimakrise lässt das Meer unnatürlich erhitzen, Abwasser aus der Landwirtschaft tragen eine hohe Konzentration von Nährstoffen ein, immer mehr sogenannter Todeszonen ohne Sauerstoff entstehen im Meerwasser. Für viele Tiere und Pflanzen stellen diese Bedingungen eine enorme Herausforderung dar – auch für das Seegras selbst. Das heißt aber für uns, dass wir uns auf Gewohntes nicht verlassen können. Kaum ein Fisch in den Ostsee-Restaurants stammt aus der Ostsee selbst, der Berufszweig der Küstenfischer stirbt aus, ganze Häuser werden von alljährlichen Sturmfluten weggespült. Wir sind also Teil des Systems und spüren die Auswirkungen. Ein Schutz der Ostsee ist kein Selbstzweck, sondern dient als Schutz für die Menschen selbst.

Die gute Nachricht: Viele Menschen in Mecklenburg-Vorpommern engagieren sich: Sie setzen sich dafür ein, dass die Ostsee mit weniger Chemikalien und Plastik verschmutzt wird. Zum Beispiel durch Bergung von Alt-Munition oder durch Regulierung von Nitrateinträgen in der Landwirtschaft. Menschen aus MV setzen sich auch dafür ein, die Ostsee vor Überfischung zu bewahren und Seegraswiesen anzupflanzen, damit neue Schutzräume entstehen können, die sogar CO2 binden. Wenn wir alle gemeinsam die Aufmerksamkeit darauf lenken, können wir noch viel mehr Leben schützen.

Arbeitsfelder der Stiftung